Feuer, Tabak & Neuerfindung

by Annette Meisl

Das außergewöhnliche Leben der Annette Meisl – ein Porträt aus dem Overland Europe Magazin

Ein Artikel von Michael Brailey

Das Erste, was im La Galana auffällt, ist der Duft. Nicht der scharfe, beißende Geruch von Zigaretten, sondern etwas Älteres, Weicheres – fermentierte Erde, Zedernholz, Süße, Erinnerung. Er hängt im hinteren Salon über den Ledersofas und dem Klavier und legt sich um einen wie eine Geschichte, die erzählt werden will.

Dieser ruhige Raum in Köln ist Annette Meisls Reich. Warm, gedämpft, eine Welt in der Welt – halb Salon, halb Zufluchtsort. Geformt von einer Frau, die mehrere Leben geführt hat, bevor sie je eine Zigarre berührte.

OVERLAND EUROPE - LA Galana

Das Overland Europe Magazin hat La Galana und seine Gründerin in seiner elften Ausgabe porträtiert. Autor Michael Brailey zeichnet darin den Weg nach, der Annette Meisl von der Kindheit über Madrid, Havanna und eine persönliche Krise bis zu ihrem Zigarrenatelier in Köln-Ehrenfeld führte.

Ein turbulenter Anfang

Kreativität zeigte sich bei Annette früh. Als Kind druckte sie ihre eigene Zeitschrift auf dem Kopierer ihres Vaters, redigierte und vertrieb sie. Mit zehn lernte sie Französisch, weil sie nicht hinter ihren Mitschülern zurückbleiben wollte. Nach dem Abitur verließ sie Deutschland und hospitierte in einer französischen Privatklinik – beeindruckend, aber nicht ihr Weg.

„Ich bin zu viele Dinge auf einmal. Ich könnte nie nur eines sein."

Eine spontane Einladung spanischer Studenten führte sie nach Madrid, kurz nach der Franco-Diktatur. Aus fünf geplanten Tagen wurden drei Jahre. Sie kam mittellos und krank an, ohne Sprachkenntnisse und ohne Freunde – nur mit ihrer Geige. Als das Geld ausging, stellte sie sich auf die Straße und spielte. Das Klingen der Münzen neben ihrem kleinen Schild „Gracias" verriet ihr, dass es funktionierte. Sie verdiente exakt den Betrag, den sie für ihr Zimmer brauchte.

Madrid im kulturellen Aufbruch fühlte sich an wie das Paris der Bohème. Annette wurde Teil dieses Wirbels: Sie spielte mit Musikern, tourte durch Theater und organisierte schließlich Tourneen für andere. Sie wurde eine erfolgreiche Künstleragentin, schickte Musiker und Performer durch Europa und darüber hinaus – von afrikanischen Gruppen über türkische Straßenkünstler bis hin zu Flamenco-Spielern. Sie produzierte Weltmusik-Konzerte und stellte sogar einmal ein jüdisch-arabisches Ensemble für einen Auftritt vor dem Papst zusammen.

Krise und Wiedergeburt

Fünfzehn Jahre Ehe endeten, als Annette erfuhr, dass ihr Mann ein Doppelleben führte. Sie stürzte in eine Depression. Um sich nicht zu verlieren, begann sie jeden Morgen zu schreiben. Mit der Zeit wurde das Schreiben ein Licht in der Dunkelheit.

Sie rekonstruierte sich selbst mit einem ungewöhnlichen Projekt: fünf Männer, fünf Perspektiven, Regeln, die sie erfand und wieder verwarf. Dabei ging es ihr nicht um Provokation, sondern darum, zu begreifen, wie Menschen lieben, scheitern und ehrlich sind. Das Ergebnis wurde ein Buch: „Fünf Männer für mich" – roh, verletzlich, humorvoll. Es wurde ein Erfolg, Talkshow-Einladungen folgten.

Die Tür nach Havanna

Ihre künstlerische Arbeit führte Annette schließlich nach Kuba, eingeladen von den Musikern, deren Touren sie organisierte. Sie verliebte sich nicht nur in Zigarren, sondern in die kulturelle Energie der Insel. Am letzten Abend des Jahres 1999 saß sie auf der Veranda von Gregorio Fuentes, dem ehemaligen Kapitän Ernest Hemingways, und lauschte Geschichten, die in keinem Archiv stehen.

„Der Tabak sucht sich seine Menschen", sagten kubanische Freunde. Nicht andersherum.
Overland Europe Annette in Kuba

Annette organisierte kubanische Kulturabende mit Zigarren, Musik und Tanz, brachte Torcedores nach Deutschland. Schritt für Schritt zog der Tabak sie tiefer in seine Welt. Ein Freund drängte nach dem Ende ihrer Ehe: „Jetzt. Mach es jetzt." Und so eröffnete sie 2009 einen winzigen Raum in Köln. Kein richtiger Laden – drei Tage die Woche, zwei Stunden am Tag, ein Zimmer, ein Tisch, eine Zigarrenrollerin.

La Galana – der Salon der Zigarrenkönigin

Heute ist La Galana anders als jeder andere Zigarrentreff – teils Boutique, teils Atelier, teils Musikzimmer, teils literarischer Salon. Die Zigarren werden in Honduras von kubanischen Meistern gefertigt, deren Familien einst im Viñales-Tal arbeiteten. Der Tabak vereint generationslange Erfahrung: sorgfältiger Anbau, präzise Fermentation, eine intuitive Handwerkskunst, die keine Maschine ersetzen kann.

Rund zehn Formate, klassisch und beständig. Keine Hypes, keine endlosen Sondereditionen. Wer sich heute in eine der Zigarren verliebt, findet dieselbe auch in fünf Jahren noch. Die Qualität wird kompromisslos bewahrt – während der Pandemie lehnte Annette eine Lieferung ab, weil die handwerkliche Ausführung nicht ihren Ansprüchen genügte.

OVERLAND EUROPE Annette Meisl
„Eine Marke lebt oder stirbt durch Vertrauen. Sie muss perfekt sein."

Seit zwanzig Jahren arbeitet sie mit derselben kubanisch-honduranischen Familie. Wachstum um des Wachstums willen interessiert sie nicht.

„Ich will nicht größer. Ich will das hier."

Wer von der Ehrenfelder Straße hereinkommt, spürt, wie der Lärm abfällt. Die Zeit wird langsamer. Gespräche werden tiefgründiger. Menschen aus aller Welt finden ihren Weg hierher – nicht nur wegen der Zigarren und nicht nur wegen Annette, sondern weil La Galana sich anfühlt wie der Einstieg in eine Geschichte, in der man plötzlich selbst vorkommt.

Kultur im Inneren

La Galana ist auch ein Ort der kulturellen Begegnung. Kuba-Abende, Livemusik, Salonkonzerte, Lesungen aus Annettes Romanen sowie Workshops – vom Zigarrenrollen über Mojito-Mixen bis hin zu Spanisch und Salsa – machen den Salon lebendig. Es ist Feier und Bildung 

OVERLAND EUROPE Kuba

 zugleich, herzlich, aber nie exotisierend. Denn unter der   sinnlichen Oberfläche liegen Geschichte, Kolonialzeit,   Spiritualität, Landwirtschaft, Familie, Ritual und Kunst.


 

Ana Galana – die Autorin kehrt zurück

Nach ihren Memoiren folgten historische Romane. Ein rätselhafter Familienschatz – ein antiker Koffer, übergeben von einer entfernten Verwandten – brachte die Inspiration. Jahre der Recherche, unterstützt von einem kubanischen Historiker, führten zum Roman „Das Geheimnis der Zigarrenkönigin", an dem sie acht Jahre schrieb. Veröffentlicht unter dem offenen Pseudonym Ana Galana. Der zweite Roman kam schneller: achtzehn Monate.

Ein Leben, gerollt wie eine Zigarre

Annettes Geschichte ist nicht linear. Sie brennt, wie der Artikel es beschreibt, wie eine gut gerollte Zigarre: Erst entzündet sich der Funke, dann entfaltet sich die Komplexität – Bitterkeit, Süße, Würze, eine volle Mitte, ein langer Nachhall.

Overland Europe La Galana Salon

Alles, jede Richtungsänderung, führte hierhin. Zu einem kleinen Salon hinter einer unscheinbaren Tür, in dem Tabakblätter die Zeit verwischen und Fremde zu Freunden werden. La Galana ist nicht einfach ein Laden. Es ist Annettes Leben, destilliert: Mut, Kultur, Handwerk, Neugier und der tiefe Glaube, dass jedes Kapitel – auch das schmerzhafteste – wichtig ist.


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